Sich für den Weg Nehemias entscheiden

„Wir dürfen keine Angst vor der künstlichen Intelligenz haben, müssen jedoch stets die Frage nach dem Menschen im Blick behalten“

Print Mail Pdf

CAREME 2025  - 1

Zum ersten Mal ist ein Papst bei der offiziellen Vorstellung einer von ihm verfassten Enzyklika persönlich anwesend, was wohl ein Zeichen für den Willen von Leo XIV. ist, mit gutem Beispiel voranzugehen, denn es geht darum, „gemeinsam den Weg für die Menschheit in diesem Zeitalter der künstlichen Intelligenz zu suchen“, wie er am 25. Mai, dem Pfingstmontag und Festtag Mariens, der Mutter der Kirche, in der Aula Paolo VI sagte.

Die Botschaft dieser Enzyklika Magnifica humanitas, deren Titel Großartige Menschheit bedeutet, lautet vor allem, dass „die künstliche Intelligenz entwaffnet werden muss“. „Das ist ein starkes Wort, ich weiß das, aber es wurde bewusst gewählt, denn diese Zeit erfordert Worte, die Aufmerksamkeit erregen und das Gewissen wecken können“, betonte der Heilige Vater. „Die künstliche Intelligenz verlangt heute, ‚entwaffnet‘ zu werden, das heißt von den Logiken befreit zu werden, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen“, erklärte er, bevor er hinzufügte, dass Entwaffnung jedoch nicht ausreiche, denn „wir müssen aufbauen“.

Er verweist auf den Kern seiner Botschaft und hebt die Haltung des biblischen Propheten Nehemia hervor, der angesichts der zerstörten Mauern Jerusalems ein entmutigtes Volk versammelt, um eine Wiedergeburt zu bewirken. „Das Wirken Nehemias spricht zu unserer Zeit. Die künstliche Intelligenz kann zu einem Bauprojekt der Geschichte werden, das in einen Horizont der Gemeinschaft eingebettet ist, in dem der technische Fortschritt lernt, dem menschlichen Leben zu dienen“, fasste der Papst zusammen und bekräftigte zusammenfassend: „Wir dürfen keine Angst vor der künstlichen Intelligenz haben, müssen jedoch stets die Frage nach dem Menschen im Blick behalten.“

In der Einleitung der Enzyklika erinnert Leo XIV. an zwei biblische Bilder: den Turmbau zu Babel (vgl. Gen. 11,1-9) und den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems (vgl. Neh 2-6). Bezüglich des Turmes von Babel stellt er fest: „Wenn die Stadt auf dem Fundament des Stolzes und anmaßender Selbstgenügsamkeit erbaut wird, bricht die Kommunikation zusammen, die Sprachen vermischen sich und die Menschen verstehen einander nicht mehr.“ Im Gegensatz zu dieser Zerstreuung würdigt er alles, was zum Ziel hat, Einheit zu schaffen, indem er beschreibt, wie der Prophet Nehemia nach dem babylonischen Exil vorgeht, um das zerstörte Jerusalem wieder aufzubauen: „Er schreibt keine Lösungen von oben vor. Er versammelt die Familien, weist jeder einen Mauerabschnitt zum Wiederaufbau zu, hört sich ihre Ängste an, koordiniert ihre Bemühungen und stellt sich Widerständen entgegen. Die Erzählung zeigt, wie die Stadt nicht durch die Initiative eines Einzelnen wiedergeboren wird, sondern durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes: Priester, Handwerker, Familienoberhäupter, Frauen und junge Menschen. Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden. Das alte Jerusalem findet so wieder zu einer gemeinsamen Sprache, aber nicht zur Sprache der Gleichförmigkeit, sondern zu jener der Gemeinschaft: der Harmonie, die entsteht, wenn jeder seinen Teil beiträgt und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom Herrn kommt.“

Für den Papst geht es im Hinblick auf die Technik und die derzeitige digitale Revolution also um die Entscheidung „zwischen der Konstruktion von Babel und dem Wiederaufbau Jerusalems; zwischen einer Macht, die sich anmaßt, den Himmel zu beherrschen, und einem Volk, das sich in Gottes Gegenwart vereint ans Werk macht, die Mauern des geschwisterlichen Zusammenlebens wieder aufzubauen“.

In diesem Sinne richtet Leo XIV. einen eindringlichen Appell an alle katholischen Gläubigen, an alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens: „Wie Nehemia wollen wir beten, weise planen und beharrlich arbeiten, indem wir unser Handeln an Gott ausrichten und den Menschen in den Mittelpunkt unserer Entscheidungen stellen. Dann werden die verworfenen Steine – die Armen, die Kranken, die Migranten, die Kleinen – zu Ecksteinen, und auf Erden wird ein festes und einladendes gemeinsames Zuhause entstehen, wo Liebe und Wahrheit endlich einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen (vgl. Ps 85,11). Dies ist der Segen, den wir von Gott erbitten und die Aufgabe, die uns erwartet: Baumeister der Gemeinschaft zu sein, keine Architekten von Babel; Diener des kommenden Reiches, keine Herren von Türmen, die einzustürzen bestimmt sind. Und mit dem Herzen eines Hirten und eines Vaters bitte ich alle, den Bau eines weiteren Turms zu Babel zu stoppen und sich stattdessen zusammenzuschließen, um im Guten aufzubauen, damit die Menschheit niemals ihre Schönheit verliert und die Welt im menschlichen Herzen erneut den Ort erkennen kann, an dem Gott wohnen möchte.“

Magnifica humanitas behandelt ausführlich die Geschichte der Soziallehre der Kirche, ihre Grundlagen und ihre Prinzipien. Die Enzyklika befasst sich zudem eingehend mit den Versprechungen der künstlichen Intelligenz, ordnet diese dem christlichen Humanismus unter und betont insbesondere die Notwendigkeit, die Würde der Arbeit im digitalen Wandel zu bewahren. Darüber hinaus zeichnet dieser bedeutende Text einen Horizont des Engagements für alle auf, jene „Zivilisation der Liebe“, die der Vision des heiligen Paul VI. entspricht, die wirklich eine „Baustelle der Hoffnung“ ist: „Die Zivilisation der Liebe ist keine naive Utopie, sondern ein anspruchsvolles Projekt. Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln, Geschwisterlichkeit institutionelle Formen annehmen zu lassen und den anderen – sei es eine Person oder ein Volk – als einen notwendigen Verbündeten für den Aufbau des Gemeinwohls zu betrachten.”

Zum Abschluss verweist uns die Enzyklika auf die Heilige Jungfrau des Magnifikat als Vorbild, weil „die Hoffnung, die unser Handeln in der Welt trägt, das Gebet ist“. „Als sie Elisabet begegnet, die ihr zuruft, dass sie die Mutter des Herrn geworden ist, bricht Maria in einen Lob- und Freudengesang aus. Ihre Seele preist den Herrn, und ihr Geist jubelt über Gott, ihren Retter, denn er hat eine arme und demütige junge Frau für seinen Heilsplan erwählt. Plötzlich sieht Maria die gesamte Geschichte von dieser Erkenntnis her“, schreibt Leo XIV. und bekräftigt in einer eschatologischen Perspektive, dass „Gott einen Plana hat, der oft hinter dem undurchsichtigen Bereich der menschlichen Angelegenheiten verborgen ist, in denen ‚die Hochmütigen, Mächtigen und Reichen‘ zu triumphieren scheinen. Doch die geheimnisvolle Kraft des göttlichen Heilsplanes ist dazu bestimmt, schließlich enthüllt zu werden“. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ruft der Papst alle Menschen auf, „mit demselben Glauben wie Maria unsere Welt mit Hoffnung zu durchwirken“.

 

François Vayne

 

(Mai 2026)