Die osterbotschaft des Grossmeisters

Allen ein frohes Osterfest!

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BozzettoResurrezione Pericle Fazzini, Entwurf für die „Auferstehung“, 1969-1970, Vatikanischen Museen.

Ostern ist eine „Geschichte“, die weitergegeben wird und ein „Ereignis“, das weitergeht. Es ist nicht einfach ein Festtag im religiösen Kalender, auch wenn es manchmal so erscheinen mag. Es ist auch kein jährliches Ereignis. Dennoch ist immer ein bisschen von alldem darin enthalten, wenn man das sich wiederholende Wesen unseres Lebens beobachtet, das zyklische Wesen des Kalenders und der Gewohnheiten, das uns hilft, nicht zu vergessen.

In der täglichen Messliturgie richtet sich die Kirche mit folgenden Worten an Gott: „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung deines Sohnes […] und danken dir“ (Eucharistisches Hochgebet). In diesen Worten liegt der Kern des Osterfestes: Wir feiern den Tod und die Auferstehung Jesu und danken damit dem Vater für die Liebe, die er uns in ihm, unserem Bruder erwiesen hat. Melito von Sardes stellte in einer berühmten Osterpredigt Jesus als ein Lamm dar, das vorausgreifend in Abel getötet wurde, in Isaak an Händen und Füßen gefesselt wurde, in Jakob ein Fremder war, in Josef verkauft wurde, in Mose auf den Wassern ausgesetzt wurde, in David verfolgt wurde, in den Propheten in Misskredit gebracht wurde, in der Dämmerung geopfert und bei Nacht beerdigt wurde, aber nicht der Verwesung anheimfiel, weil Gott ihn von den Toten auferweckte, ihn aus dem Grab herausführte und so in ihm die ganze Menschheit wieder ins Leben rief. Der unergründliche Plan Gottes wird zum „Zeichen“ oder „Sakrament“ des Heils. Ostern ist das Sakrament der Gnade!

Jerusalem mit dem leeren Grab ist der Ort des Geschehens, doch im Augenblick der Auferstehung erschütterte ein Beben die Heilige Stadt und überschritt die Grenzen der Zeit.

 

Der Herr spricht zu ihm

Das Buch Exodus berichtet, dass Mose unter dem Eindruck der Theophanie oder der mächtigen Offenbarung des Ewigen Herrn, der zu ihm sprach, einen Unterschlupf auf dem Sinai suchte, so groß waren seine Überraschung und seine Angst: „Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich […]“ (Ex 33,22), sagte der Herr. Und Mose sah ein bisschen etwas von der Herrlichkeit Gottes. In diesem „Felsspalt“ erblickte man das in den Felsen gehauene Grab Jesu, und in diesem „ich halte meine Hand über dich“ eine liebevolle Geste der Zuneigung, fast wie eine letzte Liebkosung des Vaters für den geopferten Menschensohn und Gottessohn. An die Stelle des ursprünglichen Schoßes Mariens war nun der Schoß der kalten Erde getreten.

Doch so konnte es nicht enden. Der Herr sagte zu Mose: „Dann ziehe ich meine Hand zurück“, und ein neues Leben begann. Jesus ist auferstanden! Die Auferstehung ist das neue Leben Jesu. Er ist kein ‚Wiedergänger‘, der nur scheinbar gestorben wäre. Sein Leben ist nicht mehr dasselbe wie vorher. In ihm ist neues Leben, und mit diesem geht er seinen Jüngern voraus, geht er uns voraus in jenes „Galiläa“ der Völker, wo unsere Existenz, unsere Arbeit, unsere Krankheiten, unsere Ängste und unsere Sünden uns demütigen.

 

Das Geschenk des Auferstandenen, auf das wir angewiesen sind

Die Kirche verkündet nun mit denselben Worten wie der Engel: „Fürchtet euch nicht! […] Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag! […] Und siehe, er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt“ (Mt 28,5-7)

Die Begegnung mit dem Auferstandenen trägt das Merkmal einer absoluten Notwendigkeit. Sie ist notwendig, um die Beziehungen zu den verstörten Jüngern wieder ins Gleichgewicht zu bringen, diese neuen Beziehungen, die den Geist verwirrten: „Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36). Der Friede ist das Geschenk des Auferstandenen, und Gott weiß, wie sehr wir ihn brauchen, um uns mit der Natur, mit uns selbst und mit den anderen zu versöhnen, um dem durch den Unglauben geschwächten Glauben einen Sinn zu geben und um uns auf Christus auszurichten.

 

Ein neues Ostern heute

Wir erleben ein neues Ostern der Auferstehung, noch eingehüllt von der Dunkelheit der Covid-19-Pandemie (ohne zu wissen, wie lange noch) mit ihren Beschränkungen in der Fastenzeit und vielleicht mit ihrer Läuterung, aber auch mit so vielen Hoffnungen. Die sehr kurze, aber intensive Reise des Papstes in den Irak, ein Land der Märtyrer, hat vor Ort Vorstellungen von Frieden und Versöhnung geweckt sowie von Möglichkeiten zu Dialog und Verständigung zwischen Völkern und Religionen, die sich seit jeher um die Vorherrschaft streiten, und damit einen Horizont eröffnet, der den gesamten Nahen Osten, Palästina, Syrien und jeden Kontinent umfasst.

Die Begegnung mit den Chaldäern in Ur hatte – so würde ich sagen – einen zutiefst universalen Beigeschmack: Ur war die Heimat Abrahams, des Mannes, der glaubte und auf den sich Jesus zu Ostern ausdrücklich bezieht: „[…] Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich“ (Joh. 8,56). Abraham sah den Tag Jesu und zugleich den Tag seiner Auferstehung und freute sich zutiefst, weil sich in diesem „neuen“ Sohn die Verheißung erfüllte, Vater einer Menge von Völkern zu werden (vgl. Gen 17,5-8).

 

An Ostern können wir nun zum Auferstandenen Herrn aufschauen, der durchbohrt wurde und dessen Wunden verherrlicht wurden. Wir dürfen nicht vergessen. Jesus erfüllt die Verheißungen des Bundes mit Abraham, und seine Auferstehung macht sie ewig. Der Auferstandene hat also einen Sinn für unser Leben und für die Menschheit.

 

Als Ritter und Damen vom Heiligen Grab wissen wir, dass wir unseren Beitrag zum Frieden und zum Guten leisten können. Wir sind Hüter und Missionare der Osterverkündigung: Friede sei mit euch, der Herr ist wahrhaftig auferstanden!

 

Frohe Ostern!

 

Fernando Kardinal Filoni

 

(29. März 2021)